Napisy dla zbioru mediów "Interview Johanna Egner 2014"

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00:00:00 CM: Jetzt geht's los. Läuft.
00:00:03 IV: Heute ist Samstag, der 19. Juli 2014.
00:00:07 Wir sind in Weiden im Hotel Admira.
00:00:09 Mein Name ist Michael Aue.
00:00:11 Und im Auftrag der Gedenkstätte Flossenbürg führe ich jetzt ein Interview mit Frau Johanna Egner.
00:00:17 Die heute in München lebt, aber aus dem Ort Wallern stammt und dort als Kind einen Todesmarsch beobachtet hat und uns heute darüber erzählen wird.
00:00:39 IV: Gut. Du läufst?
00:00:40 CM: Der Ton ist in Ordnung?
00:00:42 TT: Kann ich noch nichts sagen. Ist ja noch nichts gesagt worden.
00:00:45 IV: Brauchst du noch ein bisschen Zeit?
00:00:53 IV: Äh, ja. Frau Egner, Sie waren ja zu Kriegszeiten ein junges Mädchen.
00:00:58 Ich weiß nicht genau, wie alt Sie waren. Äh.
00:01:01 JE: Kann ich aber sagen.
00:01:03 IV: Ja gerne.
00:01:03 JE: Ich bin 1932 geboren und war also im Mai bei Kriegsende direkt zwölfeinhalb Jahre alt.
00:01:12 IV: Äh.. Können Sie mir erzählen, wo Sie aufgewachsen sind und vielleicht auch, ob Sie noch Erinnerungen haben, wie Sie den Krieg und das Kriegsende in Ihrem.. das war ja ein Dorf, nicht, miterlebt haben, vielleicht.
00:01:25 JE: Also Wallern ist ein kleines Städtchen mit etwas 4000 Einwohnern gewesen.
00:01:30 Und äh, mein Vater hat dort als Kaufmann ein Geschäft eröffnet.
00:01:36 Und wir haben dort seit 1935 gewohnt.
00:01:41 Also da war ich ja noch sehr klein.
00:01:44 Und äh in Wallern bin ich auch in die Schule gegangen.
00:01:48 Zuerst in die Volksschule und dann in die Bürgerschule damals.
00:01:53 Und das Kriegsende war ja dann Mai 1945.
00:02:00 Wallern ist ja kein sehr wichtiger Ort gewesen.
00:02:04 Und auch nicht, nicht durch den Krieg irgendwie sehr beeinträchtigt.
00:02:08 Sondern wir waren ja ein bisschen abseits von allem.
00:02:12 Äh unsere.. die Entfernung bis Passau ist etwa 50 Kilometer.
00:02:18 Und weil, weil Sie fragen nach dem Kriegs..äh..
00:02:21 IV: Ja, wie man das erlebt hat.
00:02:23 JE: Äh nach der Kriegszeit. Also wir hörten, wenn Passau bombardiert worden ist, das hörte man.
00:02:29 Aber Wallern ist natürlich nicht betroffen gewesen.
00:02:34 Und äh ja dann war der, der Krieg und so hab' ich ja auch geschrieben, dass wir in den letzten Kriegstagen dann natürlich alle in den Keller gegangen sind.
00:02:45 Meine Eltern, mein kleiner Bruder und auch Leute, die auch in diesem Haus gewohnt haben.
00:02:51 Und man hat dann noch Geschosse drüber fliegen hören.
00:02:56 Solang waren wir.. etwa zwei oder drei Tage da im Keller.
00:03:01 Und dann war der Krieg zu Ende.
00:03:04 So hat's geheißen.
00:03:05 Und wir Kinder sind natürlich sehr bald raufgekommen und in die Straßen.
00:03:11 Haben in den Straßen geschaut.
00:03:13 Und es war.. der Krieg ist vorbei gewesen.
00:03:18 Also und.. Es ist uns allen nichts passiert.
00:03:21 Gott sei Dank.
00:03:23 IV: Haben Sie selber diese äh.. in vielen Städten äh gab es ja eine relativ große Not..
00:03:29 CM: Michael, darf ich einen kurzen Moment.. Wenn Sie, wenn Sie das Papier nicht brauchen unbedingt, wenn Sie es dann vielleicht derweil weglegen?
00:03:35 Weil das raschelt immer ein bisschen.
00:03:37 TT: Da ist auch ein Tisch.
00:03:38 CM: Sie können es da daneben ablegen auf dem Tisch.
00:03:40 Dann haben Sie es besser greifbar.
00:03:41 JE: Und manchmal muss ich mich auch ein bisschen räuspern. Ist das schlimm?
00:03:44 TT: Nein, nein also. Sie machen das gut. {Lachen}
00:03:48 IV: Äh sozusagen.. War sozusagen von der Not des Krieges oder diesem Elend, was ja auch in der deutschen Bevölkerung... War da viel zu merken?
00:03:55 Oder auch so.. ,auch als Kind, man kriegt ja auch mit, was die Eltern erzählen...
00:03:59 JE: Ja.
00:04:00 IV: Angst, Sorgen. Was haben Sie da so in diesem Alter als ganz junges Mädchen davon so mitgekriegt, so stimmungsmäßig vielleicht?
00:04:07 JE: Mein Vater musste dann natürlich einrücken.
00:04:10 Er war damals aber schon 39.
00:04:13 Und war, ist dann in Zirndorf gewesen.
00:04:16 War dort Furnier, weil er hat, er war ja im Lebensmittelbereich äh tätig immer.
00:04:22 Und, und wurde dann auch eigentlich bald wieder nach Hause geschickt.
00:04:28 Weil er auf einem Auge total blind war.
00:04:32 Und er daheim sehr gebraucht wurde, weil meine Mutter ja das Geschäft leiten musste.
00:04:37 Wir haben drei Angestellte gehabt.
00:04:39 Und ähm dann ist er also wieder zurück gekommen.
00:04:45 Und sonst haben wir keine Not gehabt in, in Wallern.
00:04:49 Erstens hatten wir ein Lebensmittelgeschäft.
00:04:52 Und es war in, in dieser Beziehung kein Problem.
00:04:58 IV: Und haben Sie viel davon mitgekriegt, sozusagen, wie der Kriegsverlauf war..
00:05:02 JE: Ja.
00:05:02 IV: Erst mit den Erfolgen des deutschen.., dann aber ich denke, dann kippte das ja irgendwann mal.
00:05:07 Also ich weiß, ich bin so aufgewachsen, meine Eltern haben in einer größeren Stadt gelebt.
00:05:10 Die haben noch Jahrzehnte davon gesprochen von den Sorgen, von der Angst, natürlich auch von den Bombardierungen.
00:05:15 JE: Ja.
00:05:16 IV: So stimmungsmäßig. Oder war das eher gar nicht so groß Thema, weil es soweit weg war, der Krieg?
00:05:20 JE: Doch. Es war schon ein Thema.
00:05:21 Vor allem, weil die Männer oder die Väter ja einrücken mussten.
00:05:25 Und, und immer wieder man eben gehört hat, dass einer gefallen ist.
00:05:29 Also das hat schon die Leute sehr betroffen damals.
00:05:34 Aber wie gesagt, es war keine sehr große Not.
00:05:39 IV: Hm.
00:05:41 Gut dann erzählen Sie vielleicht so ein bisschen.. äh, um langsam auf das Thema zuzusteuern, sozusagen, wie..
00:05:47 Also der Krieg war zu Ende. Sie sind als Kinder auf die Straße, es ist niemand was passiert.
00:05:51 JE: Ja.
00:05:51 IV: Vielleicht so ein bisschen, was dann die nächsten Tage, wie sich das dann entwickelt hat.
00:05:55 JE: Ja, also wir waren natürlich sehr neugierig.
00:05:58 Sind dann diese Straße Richtung Kirche gegangen.
00:06:02 Da war so ein kleiner Platz.
00:06:04 Und haben dann äh die ersten Amerikaner gesehen, die auf Panzern dort waren.
00:06:12 Was uns natürlich schon sehr verwundert hat.
00:06:15 Bis dahin hatte man ja keinen Schwarzen gesehen. {Lacht}
00:06:19 Und es war aber immer..., es war nie ein Problem.
00:06:23 Also ich muss sagen, in unserer Familie nicht.
00:06:26 Ich weiß nicht, ob des woanders schlimmer gewesen wäre oder schlimmer war.
00:06:33 Ja und dann mussten wir aus dem Haus heraus.
00:06:40 Also wir waren mit dem Geschäft dort in Miete in dem Gasthof "Passauer Hof".
00:06:46 Dann mussten wir heraus.
00:06:48 Und zwar mussten wir zu meinen Großeltern ziehen, die am Rand von Wallern unsere kleine Landwirtschaft, die mein Vater als Hobby betrieben hat, äh bearbeiten.
00:07:00 Und wir haben dann sehr, sehr eng aufeinander gewohnt.
00:07:06 Und konnten aber dann wieder zurück ins Haus.
00:07:09 Und zwar hat sich des dann wahrscheinlich so ergeben:
00:07:13 Wie wir von den Jüdinnen gehört haben, das war dann sehr bald Gespräch im Ort.
00:07:20 Die Jüdinnen wurden am Rande von Wallern vorbei getrieben, sag ich mal.
00:07:27 Und zwischen Wallern und Prachatitz, aber eher Nähe Wallern, im Wald zum Teil erschossen, oder sa.. sind.. sa.., hat aber auch Überlebende gegeben.
00:07:42 Und dann hat man uns erzählt, also haben das erzählt.., als Kinder natürlich nur gehört, dass äh ehemalige Parteimitglieder, diese Frauen ausgraben mussten, mit den Händen aus einem Massengrab ausgraben mussten.
00:07:59 IV: Das waren so.. praktisch, was man sich erzählte im Ort.
00:08:02 JE: Was man sich erzählt, ja.
00:08:03 IV: Gerüchte, Erzählungen.
00:08:05 JE: Sonst hat man das ja nicht erfahren, um was es da gegangen ist.
00:08:11 Und dann kommt es natürlich.. die Geschichte mit meiner Großmutter.
00:08:15 Die haben Sie ja sicher auch gelesen.
00:08:17 IV: Ich hab'.. Ich weiß.. Ich muss Sie alles fragen. Sie müssen mir alles erzählen, was Sie wissen.
00:08:22 JE: Ja. Also wir haben dann gehört, dass meine Großmutter, die eben in dieser kleinen Landwirtschaft da am Rande von Wallern war, einmal ahnungslos aus dem Haus ging, gegen Abend wahrscheinlich.
00:08:38 Und dann sind ihr zwei Frauen also mit bittenden Händen in gebückter Haltung so entgegengekommen.
00:08:48 Und sie hat sie wahrscheinlich ohne viel zu reden mit in ihrer Scheune versteckt.
00:08:55 Und zwar, es waren ja die Kriegstage grad zu Ende, oder waren noch.
00:08:59 Ich weiß das Datum wirklich nicht.
00:09:03 Und die hat sie dort versteckt.
00:09:06 Es war.. sie hat niemand was gesagt, auch nicht dem Großvater, und auch uns niemand.
00:09:13 Weil es war ja eigentlich sehr gefährlich in den letzten Kriegta.. Kriegstagen, wenn des irgendwie publik geworden wäre.
00:09:22 Und so wie ich eben damals auch gehört habe, haben diese zwei Frauen dann später einmal, wahrscheinlich durch fragen, unser Geschäft aufgesucht, auch meinen Vater.
00:09:34 Und haben des besprochen.
00:09:36 Ich weiß nicht, wie der Name war von diesen Frauen.
00:09:39 Jedenfalls, da war meine Tante immer sehr hellhörig:
00:09:44 "Da lassen wir uns jetzt mal eine Bestätigung schreiben, dass diese zwei Frauen aufgenommen wurden."
00:09:51 Haben sie wahrscheinlich auch bekommen, was ich aber nicht weiß.
00:09:57 Und sonst von den Jüdinnen, ich weiß, dass die dann in Wallern in einem Haus auch gepflegt wurden, die Überlebenden natürlich ja.
00:10:08 Und dann eines Tages mussten wir alle, also alle Frauen, Männer und alte und junge Leute uns an einem bestimmten Tag beim Friedhof einfinden.
00:10:22 Und dann alle in einer Reihe hintereinander an offenen Särgen vorbeigehen.
00:10:30 Also das war ein schlimmer Anblick.
00:10:34 Weil die, diese.. es waren Frauen mit kahlgeschorenen Köpfen.
00:10:39 Und sehr mager, also wirklich schlimm haben die ausgesehen.
00:10:44 Da mussten wir vorbeigehen.
00:10:47 Und wir haben dann so in.. also an der Friedhofsseite war das.
00:10:51 Und wir haben uns dann unten wieder eingefunden und äh mussten warten.
00:10:59 Und es ist dann eine Rede gehalten worden also.. Ich hab auch aufgeschrieben in einer für uns fremden Sprache.
00:11:05 Und es war wahrscheinlich eine israelitische Feier da.
00:11:09 Wir haben das nicht verstanden.
00:11:12 Und die.. Und dann waren auch Särge an der Friedhofsmauer aufgestellt.
00:11:17 Waren aber etwas weiter weg von uns, was ich dann nicht mehr so gesehen habe.
00:11:21 Und dann durften wir wieder nach Hause gehen.
00:11:24 IV: Und wer hatte das angeordnet?
00:11:26 Und war es auch verbunden mit irgendwelchen Informationen, dass Sie überhaupt wussten, warum Sie da sind?
00:11:31 JE: Nein.
00:11:31 IV: Oder wer da liegt, oder wer da bestattet wird?
00:11:34 JE: An das hab' ich schon oft gedacht.
00:11:36 Also, es haben uns, haben uns weder wir Kinder fragen getraut, die Eltern fragen getraut.
00:11:42 Weil wir waren ja ein besiegtes Volk.
00:11:45 Da, da war, da waren wir also sehr ruhig.
00:11:47 Und es hat uns auch niemand erklärt, was denn da los war.
00:11:52 Hatten wir dann nur später halt dann erfahren.
00:11:55 IV: Also auch bei dieser Veranstaltung haben die Amerikaner nicht irgendwie Reden..
00:11:58 JE: Nein.
00:11:59 IV: Oder haben gesagt.. Sondern die.. Es wurde angeordnet, aber von den Amerikanern.
00:12:03 JE: Ja, ich.. Oder ich nehme an, es hatte auch eine Gemeinde gegeben.
00:12:06 Dass von da aus die Leute verständigt wurden.
00:12:10 Und das haben wir auch gemacht.
00:12:12 Und dann durften wir wieder nach Hause gehen.
00:12:17 IV: Und hinterher zu Hause, haben Sie dann versucht, in Ihrer Familie mit den Eltern darüber zu reden oder zu fragen?
00:12:22 JE: Nein.
00:12:22 IV: Ich denk', das war ja an sich schrecklich..
00:12:24 JE: Ja.
00:12:24 IV: Ein schrecklicher Anblick, oder?
00:12:26 JE: Das hat keiner gefragt.
00:12:28 Also ich.. Wenn ich heute mir vorstelle, meine Kinder hätten gewiss gesagt:
00:12:32 "Was ist, was ist denn das da?"
00:12:34 Da haben wir uns nicht getraut.
00:12:36 Waren echt eine ganz andere Generation auch noch.
00:12:42 Dann hab' ich noch mitbekommen, dass diese Frauen, die überlebt haben, in Wallern in einem Haus an sich sehr nahe bei uns auch ähm gepflegt worden sind.
00:12:54 Und die haben sich eigentlich relativ bald erholt.
00:12:58 Sind dann auch manchmal in unser Geschäft gekommen in Begleitung eines amerikanischen Soldaten.
00:13:06 Und ähm was mein Vater noch gehabt hat im Laden... Das war, das war ja ein Kolonialwaren, so hat man das damals genannt.
00:13:15 Das war zum Beispiel auch Wäsche, Unterwäsche und so.
00:13:18 Und die haben sich das dann, ich nehme an, gekauft und auch bezahlt.
00:13:23 Was ich aber nicht genau weiß.
00:13:25 Aber ich, ich war auch mal dabei, wo sowas war, also wo sowas passiert ist da.
00:13:35 IV: Wenn Sie daran zurückdenken, haben Sie so 'ne Erinnerung, wie so die Stimmung war?
00:13:39 Also auch wenn man als Kind mitgeht und sich nicht traut, äh sind die Leute äh unwillig hingegangen, sind sie gerne hingegangen?
00:13:48 Waren Sie alle erschüttert?
00:13:49 Gab's auch Leute, die das unmöglich fanden, dass man das machen muss?
00:13:52 So, man hört ja immer so.. Oder man kriegt ja an sich so ne Stimmung mit, ob die gedrückt ist oder eher aggressiv.
00:13:59 Oder wie war das vom Gefühl?
00:14:01 JE: Also die war sehr ruhig, gedrückt auch.
00:14:04 Was haben wir uns schon sagen oder fragen getraut.
00:14:08 Und wen hätten wir gefragt?
00:14:10 Da war auch niemand.
00:14:14 Was damals los war, hab ich alles erst später erfahren, viel später.
00:14:20 IV: Wissen Sie noch wann und wie?
00:14:22 JE: Das war in den, in den, im Mai natürlich 1945.
00:14:28 Und ähm dann war ja schon in der Luft gelegen:
00:14:33 Wir müssen vielleicht alle weg.
00:14:36 Weil wir sind dann vertrieben worden.
00:14:38 Das war dann zwar erst im März '46.
00:14:43 Aber das war eigentlich das Schlimme.
00:14:46 Dass wir wussten, wir müssen hier weggehen.
00:14:52 Und zwar sind ja in der Zwischenzeit..
00:14:54 Also während bei Kriegsende ja die Amerikaner hier waren, worüber wir sehr froh waren, dass nicht die russische Front gekommen ist.
00:15:02 Und ähm, dass wir dann äh die Tschechen sofort wieder hatten in, in, in ein paar Wochen sind die Tschechen gekommen.
00:15:13 Und meinem Vater wurde dann im Herbst das Geschäft bald plombiert.
00:15:18 Und wir konnten.. Er konnte nicht mehr hinein.
00:15:20 Alles war drin.
00:15:21 Und wir haben dann in den nächsten Wochen einen Verwalter bekommen.
00:15:27 IV: Einen tschechischen.
00:15:29 JE: Einen tschechischen.
00:15:29 Der hat dann auch bei uns gewohnt.
00:15:32 Er hat auch mit uns Mittag gegessen.
00:15:34 Und er war ein sehr humaner Mensch, so.
00:15:37 Aber das war, ich glaub', in anderen Häusern nicht immer so.
00:15:41 Also das sind vielleicht eher sch, Schlimmere gekommen in dieser Zeit.
00:15:48 Was uns alle bedrückt hat, das war das Problem:
00:15:52 Wir müssen von unserer Heimat weg.
00:15:57 IV: Alles war ursprünglich mal tschechisches Gebiet gewesen?
00:16:02 JE: Ja. Es ist der Böhmerwald.
00:16:04 Es ist der Böhmerwald.
00:16:06 In.. Und Wallern war völlig deutsch.
00:16:09 Ich hab auch keine tschechischen Kinder gekannt in der Schule.
00:16:12 Hab' ich nicht gekannt.
00:16:15 Aber die Geschichte ist ja da so: Der Hitler hat ja 1938 äh dieses Gebiet alles äh..
00:16:24 IV: Annektiert.
00:16:25 JE: Annektiert, ja.
00:16:30 IV: Und dann waren die Tschechen alle vertrieben worden.
00:16:32 Oder war's, waren immer die Bevölkerung schon ursprünglich deutsch?
00:16:35 JE: Die waren in Wallern ja gar nicht da.
00:16:37 Die waren nicht da.
00:16:38 Aber sie sind dann gekommen und haben sich eben alles genommen.
00:16:43 Ich durfte nicht mehr Klavier spielen, weil wenn das jemand gehört hätte, hätten die sich sofort das Klavier runtergeholt.
00:16:52 Das war so eine, eine Zeit, also..
00:16:55 Wenn Sie sich vorstellen, die äh.. Es ist ein verlorener Krieg und wir waren ja die Unterlegenen.
00:17:04 IV: Und können Sie sich.. Sie waren ja natürlich mit sich beschäftigt, was aus einem wird, wo man hin muss, äh, wie das geht?
00:17:12 JE: Ja, vor allem waren das ja mehrere Transporte, die weggegangen sind.
00:17:17 Und jeder Transport ist in eine völlig andere Gegend gekommen.
00:17:22 Mein Problem als Zwölfjährige war:
00:17:24 Wo sind denn meine Freundinnen jetzt?
00:17:26 Wir wussten das überhaupt nicht.
00:17:29 Das war auch net so, dass man sich anrufen konnte.
00:17:32 Gab's ja alles nicht.
00:17:35 IV: Und haben Sie dann so eine Idee, wann sozusagen das erste Mal so in Ihr Bewusstsein auch kam, äh sozusagen dieser Background, dass es diese Vernichtungslager gegeben hat, dass das Todesmärsche waren?
00:17:48 Sie haben ja nach dem, wie Sie das erzählt haben, so gesagt, Sie wussten an sich nicht mal genau, was das für Menschen sind, die da in diesen Särgen liegen.
00:17:55 So wann kam das so?
00:17:57 JE: Ja. Das, das hörten wir eben dann, dass das aus, also polnische Jüdinnen waren.
00:18:06 IV: Aber das war erstmal eher durch Erzählungen,..
00:18:08 JE: Ja, ja.
00:18:08 IV: Dass irgendwie Sie gehört haben, was erzählen die Erwachsenen und..
00:18:13 Ja und später, so diese Vorgeschichte, wann kam das mal wieder vielleicht in Ihrer Familie oder bei Ihnen?
00:18:19 Wann haben Sie dann mehr darüber erfahren?
00:18:21 JE: Sehr spät eigentlich.
00:18:24 Es ist so.
00:18:25 Man.. Heute würd' ich wirklich mal schauen, was war denn da los.
00:18:31 Aber damals, also auch bei meinen Eltern, das war ja so ein Überlegen, wie geht's denn weiter mit uns.
00:18:38 Mein Vater hatte keinen, kein Geschäft mehr.
00:18:42 Also mein Vater war Lebensmittelkaufmann damals.
00:18:45 Und wohin kommen wir?
00:18:48 Und das war ja ein Existenzkampf.
00:18:51 Und wir sind dann nach Bayern gekommen.
00:18:54 Unser, unser Transport, das war der dritte, der von Wallern wegging.
00:18:59 Wir wussten etwa ein bisschen Bescheid, dass wir wegkommen.
00:19:03 Der erste Transport wusste das nicht.
00:19:06 Und wir sind alle in der Nacht aufgestanden dann und haben den Nachbarn beim Packen geholfen.
00:19:16 Aber wir waren dann.. Dann hat mein Vater dann Kisten machen lassen.
00:19:20 Und wir waren vorbereitet.
00:19:22 Und dann sind wir ausgesiedelt worden.
00:19:26 Vertrieben worden.
00:19:28 IV: Und Sie sind dann nach Bayern gekommen?
00:19:30 JE: Ja. Nach Bayern. Zuerst nach Ingolstadt.
00:19:33 Und dann durch Verwandte, die einen Betrieb aufbauen wollten und zwar eine Drechslerei, nach Dollnstein.
00:19:42 Dollnstein bei Eichstätt.
00:19:45 Das war ja dann Sommer '46.
00:19:48 Und im Herbst bin ich ja dann schon {räuspert sich} nach Eichstätt in die Schule gefahren.
00:19:55 Also war ich dann Fahrschülerin.
00:19:59 IV: Und haben Sie das Gefühl, dass sozusagen dann, dann waren Sie ja in Deutschland, in Bayern.
00:20:04 Dass da über diese Themen geredet wurde?
00:20:06 Das war ja noch nicht lange her.
00:20:08 Oder als Sie dann zur Schule gingen?
00:20:10 JE: Nein. Das kann ich wirklich ehrlich sagen.
00:20:13 Ich hab' lange nichts gehört drüber.
00:20:17 IV: Wissen Sie noch vielleicht, wann das das erste Mal war?
00:20:20 Sie sagen "lange." Ist halt äh...
00:20:22 Was denken.. Wie, wann war das das erste Mal, dass das bei Ihnen so als Information oder im Bewusstsein ankam?
00:20:29 JE: Eigentlich ganz spät.
00:20:31 Also eigentlich auch durch meinen Mann.
00:20:34 Mein Mann war.. Wir haben dann in Eichstätt gewohnt. {Räuspert sich}
00:20:37 Und mein Mann war da schon sehr interessiert.
00:20:40 Und das hat man dann so gehört.
00:20:42 Aber es hat uns nicht grad furchtbar bedrückt.
00:20:46 Muss ich ehrlich sagen.
00:20:50 Dann erst äh wie meine Bekannte, die Frau Müller hier mir sehr erzählt hat:
00:20:57 Da müssen wir doch was nachschauen.
00:20:59 Wie wir entdeckt haben, dass wir beide aus Wallern sind.
00:21:02 Das war, das war vielleicht vor drei Jahren, muss ich echt sagen.
00:21:06 Und dann hab' ich mich schon interessiert.
00:21:09 Und hab' ich mir ja auch Material von Flossenbürg schicken lassen.
00:21:13 Und weiß dann jetzt erst.. Und konnte mir erst dann zusammenreimen, wie dieser Zug an Wallern vorbeigezogen ist.
00:21:20 Was ich ja vorher nicht wusste.
00:21:23 Und man hätte sich mehr interessieren müssen.
00:21:26 Ich würd' das heute wirklich machen. Aber damals..
00:21:31 IV: War man mit sich und allem beschäftigt, wieder Fuß zu fassen...
00:21:34 JE: Ja. Naja, das war ja dann höchste Zeit, dann haben wir schon alle Fuß gefasst.
00:21:40 IV: Wenn Sie jetzt an diesen einen Tag nochmal zurückdenken.
00:21:43 Gibt es noch so Einzelheiten vielleicht, die Ihnen im Kopf sind?
00:21:49 Ich weiß nicht, wie viele Särge das waren, wie groß, wie viele Menschen? War jeder Bürger von Wallern da, auch vielleicht noch einzelne Bilder, so Details?
00:21:58 JE: Ja. Schlimm war das damals, wie die Tschechen nach Wallern gegangen, also nach Wallern gekommen sind.
00:22:05 Wie sie zum Beispiel bei der Aussiedlung dann auch Bauernhöfe auch übernommen haben.
00:22:12 Wie dann das Vieh zusammengetrieben wurde an den Waldrand, wo auch einzelne Bauernhäuser waren.
00:22:21 Und das Vieh gemolken hätte werden müssen.
00:22:23 Und wir diese Kühe schreien hörten, weil keiner da war zum Melken.
00:22:29 Das war sehr schlimm, für uns auch.
00:22:33 IV: Ich meinte jetzt an sich nochmal speziell dieser Tag, wo Sie sozusagen auf den Friedhof mussten und sich das anschauen.
00:22:38 Gibt's da noch so ein bisschen Details über die Zahl der Menschen, die da tot aufgebahrt waren in den Särgen äh?
00:22:46 JE: Ja.
00:22:46 IV: Noch so ein paar Einzel.. Vielleicht, weil ich denk', dass der Herr Ibel, der möcht' auch mal gern, der ist ja Historiker.
00:22:53 Und der möcht' immer gern so viele Details wie möglich wissen.
00:22:53 JE: Ich weiß also diese, diese Särge, das waren, es war sehr helles Holz, wo diese Frauen da drinnen gelegen sind.
00:23:01 Ich weiß nicht, wie viele das waren.
00:23:02 Aber vielleicht zehn oder, oder zwölf, oder..
00:23:07 Es war in, in zwei Reihen waren diese Särge aufgestellt.
00:23:11 Und es war schlimm anzuschauen.
00:23:13 Also ich muss sagen, diese Bilder hab ich wirklich noch im Kopf.
00:23:19 Hat uns sehr leid, hat mir leid getan und uns betroffen.
00:23:24 Und wir wussten ja nichts drüber und haben uns nichts fragen getraut.
00:23:32 IV: Was hat Sie dann auf die Idee gebracht, sich dann..
00:23:36 Also Sie haben gesagt, Sie sind sehr spät erst auf diese Details gestoßen.
00:23:39 Jetzt auch sich an Flossenbürg zu wenden, oder auch zu sagen:
00:23:42 "Ich bin da noch eine Zeitzeugin, ich hab' noch was zu erzählen, was ich gesehen hab'?"
00:23:47 JE: Von damals ja, das man eigentlich, wenn man so durch den Ort ging, das war immer etwas schwierig.
00:23:57 Es waren dann die Tschechen da.
00:24:00 Es waren natürlich auch Kinder da.
00:24:02 Und die dort in unsere Schulen gegangen sind.
00:24:06 Dann wollte mein Vater, dass ich auch in diese tschechische Schule ging.
00:24:10 Was ich sehr ungern getan habe, weil wir konnten uns nicht so wehren gegen diese..
00:24:17 Wie die Buben eben damals waren auch.
00:24:19 Da, das hat, ich habe mich immer gewehrt, wenn mir einer zu nah ge.., also frech war oder so.
00:24:28 Aber das war ausgeschlossen.
00:24:30 Da, da waren wir also lieber still.
00:24:34 Aber es hat nicht mehr die Jüdinnen betroffen.
00:24:39 IV: Ja wie kam Ihr Entschluss zustande sozusagen, was hat dazu geführt, dass Sie heute hier sind jetzt?
00:24:43 Also warum haben Sie sich dann mal an Flossenbürg gewandt, haben auch gesagt:
00:24:47 "Ich habe irgendwie auch was zu erzählen."
00:24:49 Wie kam, kam das irgendwie? Wie kamen Sie auf die Idee?
00:24:52 JE: Ja, eigentlich durch die Frau Müller hier, die jetzt noch dabei ist.
00:24:56 Weil Sie eben gesagt hat:
00:24:57 "Da müssen wir doch das jetzt erzählen. Wie hast du denn das erlebt? Wie habe ich das erlebt?"
00:25:02 Und dann muss ich auch sagen, mein Interesse, das ich inzwischen an der Geschichte überhaupt habe, also auch an der bayerischen Geschichte sehr.
00:25:11 War mir das schon sehr, war es mir interessant, mal davon zu hören.
00:25:17 Und dann hatten, haben die auch ein Buch rausgegeben über die Stadt Wallern.
00:25:21 Ich habe es heute dabei.
00:25:23 Wo auch ein Artikel darüber steht, von dieser Ansammlung an dem Friedhof.
00:25:30 Es ist auch ein Bild in diesem Buch, das ich dem Herrn Ibel dann ja zeigen kann.
00:25:36 Und wie gesagt, auch das Interesse an der Geschichte.
00:25:42 Und dann haben wir eben nach Flossenbürg geschrieben.
00:25:45 Wieder auf Anregung von der Frau Müller.
00:25:48 Und da habe ich dann einiges erfahren und dann wurde mir eben das von heute vorgeschlagen.
00:25:55 IV: Ok. Dann bedanke ich mich bei Ihnen.
00:25:57 Dann sind wir sozusagen kameramäßig fertig.
00:26:00 Und wenn Sie möchten, können Sie mir gern noch was zeigen.
00:26:02 JE: Ja, wenn Sie wollen.
00:26:04 TT: Ich nehm' Ihnen derweil erstmal das Mikro..