Media Collection "Interview Hans Seeger 2018"

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Interview with concentration camp survivor Hans Seeger

Originator/Copyright holder Medienwerkstatt Franken
Source(s) KZ-Gedenkstätte Flossenbürg / Medienwerkstatt Franken
Usage conditions Nur mit Einverständnis und Nennung von Archiv bzw. Urheber
Display format Interview, Rohmaterial
Interviewer Michael Aue
Camera Günter Wittmann

Subtitles for "AGFl_AV.22.1154.mp4"

00:00:00 Interviewer: Gut, dann fangen wir mal an. Äh, ich werde Ihnen auch Fragen stellen zur gesamten Lebensgeschichte, aber ich möchte jetzt nicht am Anfang beginnen.
00:00:11 Ich weiß so ein bisschen aus den Filmen, die ich von Ihnen gesehen habe, dass Sie, äh, im heutigen Polen – Stettin, Zoppot gelebt haben...
00:00:20 Hans Seeger: Genau.
00:00:22 IV: Ich weiß auch, dass die Familie dann, äh, nach Auschwitz deportiert worden ist, und dass eine lange Odyssee durch die Konzentrationslager begann.
00:00:32 Aber weil wir von Flossenbürg beauftragt sind, interessiert uns besonders die Geschichte, wie Sie in Flossenbürg waren und wie Sie dahin gekommen sind.
00:00:42 Und darum würde ich ganz gerne an.. anfangen, auch vielleicht mit der letzten Station, bevor Sie nach Flossenbürg gekommen sind. Dass Sie versuchen, sich da zu erinnern, und mir von da an dann ein bisschen die Geschichte erzählen.
00:00:58 HS: Ja, da muss ich natürlich dann von Auschwitz aus, weil ich bin von Auschwitz nach Buchenwald, von Buchenwald nach Flossenbürg gekommen, und von da ging's dann weiter aufm Transport.
00:01:09 Und da muss ich einigermaßen, auf.. wo ich mich noch so erinnern kann, nich'... Wie die, äh, Räumung war, wo da..
00:01:16 Wo es hat geheißen, der Russe is', nich'.. kommt.. der kommt schon in die Nähe, nich', von Auschwitz aus, nich'? Und da war ja...
00:01:23 IV: Gut, dann fangen Sie doch an, wo Sie Auschwitz verlassen mussten. Die Geschichte langsam zu erzählen.
00:01:28 HS: Genau. Das kann ich Ihnen einigermaßen auch so...
00:01:30 IV: Mhm...
00:01:32 HS: In Erinnerung, nich'?
00:01:33 IV: Mhm...
00:01:33 HS: Ja. Also, vorher is' ja meine Mutter gestorben, die.. Wir waren.. Sind wir die ganze Familie nach Auschwitz gekommen, nich?
00:01:40 Und zwar war meine Mutter nicht lange drin, weil es war.. Ich hab' n' kleinen Bruder gehabt, und der ist natürlich, nach ein oder zwei Monaten is er natürlich eingeschlafen.
00:01:53 Nix zu essen.. Der Anfang.. Das Essen war vergiftet wohl, wahrscheinlich, nich? Und da hat sich meine Mutter natürlich so gegrämt, dass sie das.. Dass sie das Kind nicht durchgebracht hat...
00:02:07 Und sie selber war dann schon schwach gewesen. Sie hat ja auch nichts mehr gegessen, nich'. Und die war natürlich in drei Monate... auch...
00:02:20 Die is von da in Lazarett reingekommen, in Krankenblock, und dann, wie das so war da.. Haben Sie natürlich die Häftlinge selber..
00:02:33 Nich, die wo aufgepasst haben, die Kranken von oben, von dem Block runtergerissen und so weiter.
00:02:41 Und die haben sie mehr totgehauen als wie... als wie das so Krankheit war. Und dann hat's geheißen, meine Mutter ist eingeschlafen, ja...
00:02:51 Drei Monate, war meine Mutter schon weg, nich. Und da war ich mit meinen Brüdern, ich hab nochmal drei Brüder gehabt, wir waren im Ganzen sechs, sechs Geschwister.
00:03:04 Eine Schwester, meine drei Brüder waren da noch da, mein Vater... Und dann sind auch meine Brüder weggekommen, alle drei, und zwar nach die Maurerschule.
00:03:18 Die haben, sollten mauern. Was da zu arbeiten war und so weiter. Weil die waren alle schon.. Draußen haben sie schon gearbeitet.
00:03:28 Und die haben natürlich solche gebraucht, die wo schon fünfzehn, sechzehn und siebzehn Jahre waren, und die haben sie dann natürlich genommen zum Arbeiten auch.
00:03:38 Und das ging dann einigermaßen so ein ganzes Jahr durch. Mein Vater war da noch da, ich war bei meinem Vater, meine Schwester war noch da. Die war neun Jahre.
00:03:54 Und dann hat man das so einigermaßen hingekriegt. Ja, natürlich mit Essen war's sehr schlecht, wir haben ein ganzes Jahr durchweg nur gekriegt Steckrüben-Suppe und Pellkartoffeln und gegen Abend noch so'n Stückchen, Stückchen Brot und so weiter.
00:04:17 Also Essen war ja miserabel... das kann ich Ihnen gar nicht erzählen, nich. Das werden Sie auch schon von anderen {verspricht sich} Häftlingen eigent.. gehört haben.
00:04:29 Also wir haben natürlich sehr viel mitgemacht. Wir haben ja auch, nu, wenn der Transport kam, da kamen ja nur Juden rein, Juden, Juden, Juden, die.. auf dem, auf dem Bahndamm.
00:04:43 Und die sind gleich.. Die sind gar nicht rausgekommen, die sind gleich mit rein, rein ins Krematorium und vergast worden und so weiter.
00:04:52 Und das haben wir alles so mitgekriegt, ein ganzes Jahr lang. Weil wir waren ein ganzes Jahr da in Auschwitz, nich.
00:05:01 Und dann kamen meine Brüder wieder, wieder zurück nach Birkenau und dann hat's geheißen: "Das Lager wird geräumt."
00:05:12 Und dann ging das einige Zeit so, bis sie alles sortiert haben und gemacht haben, ne. Und ich persönlich, mich wollten sie nicht rauslassen, weil ich noch zu klein war, ich war erst..
00:05:27 Da bin ich, war ich dreizehn Jahre alt, nich? Mit zwölf bin ich reingekommen und mit dreizehn Jahren...
00:05:33 Also ist mein Vater vorher auch weg, weil er war k.. noch groß, kräftig. Und meine anderen zwei Brüder. Und der älteste Bruder, der ist noch bei mir geblieben.
00:05:49 Wie der da z.. das wissen wir heute nicht, ne. Und die sind in Hauptlager gekommen, von Birkenau sind sie dann in Hauptlager, wo die Blöcke waren, und da haben sie wieder alle schon gesammelt.
00:06:04 Weil das hat geheißen, der.. wie die Prominenten da, so erzählt haben, der Russe ist im Anmarsch und so weiter, nich? Das Lager wird geräumt.
00:06:14 Also gut, jetzt wollt' mein Bruder natürlich mich nicht alleine lassen. Da hat er versucht, da zu arbeiten, und gemacht und getan... Arbeitsdienst für {unverständlich} bei Mengele, hat er sich vorgestellt, mit mir.
00:06:33 Und der Mengele, der hat gesagt: "Nein, Sie gehen raus, aber der k.. Ihre Bruder, der muss hier bleiben.
00:06:41 Und wenn Sie das nicht wollen, dann können Sie ja auch hierbleiben." Hat er angefangen, ganz kurz. Und Sie wissen ja, was Ihnen dann blüht, nich? Mein Bruder war da auch schon achtzehn, nich?
00:06:51 Ja, dann hat mein Bruder gesagt, dann geht er auch nicht. Also, dann wissen Sie ja, was ihn das.. so weiter..
00:06:58 Und wie das dann weitergegangen ist, das wissen wir heute noch nicht.
00:07:01 Da war jemand, ne Arbeitsdienstführerin, ich weiß nicht, ob mein Bruder sie gekannt hat, von draußen oder was, und.. Irgendwas war gewesen.
00:07:13 Also, haben wir uns da vorgestellt, hat mein.. die Arbeitsdienstführerin hat gesagt: "Ihr Bruder darf doch nicht raus, Herr Seeger, der darf nicht. Der ist noch zu klein und so weiter, und die...
00:07:28 Die brauchen nur Arbeitskräfte. Und nicht jemand, der wo nix packen kann."
00:07:35 Also, es gingen ein, zwei Tage vorbei, dann... Also, die Transporte gingen schon, schon viele rausgekommen von uns Zigeunern, nich? Viele.
00:07:47 Und da hat's geheißen, die.. die, Sie werden gesucht, wie ich. Meine Nummer war, war nur 13. Also, der erste Buchstabe, dreizehn.
00:08:02 Und den letzten Buchstaben, die Zwei, hat sie nicht gewusst. Und da hat sie mich suchen lassen, bis sie natürlich mich gefunden hat, nich?
00:08:12 Aber sie hat mich nicht gefunden. Sie hat gesucht, aber... Aber sie hat mich nicht gefunden, weil das waren ja so viele Leute, nich?
00:08:18 Und vorne am Tor hab' ich dann gestanden mit meinem Bruder, und da hat sie mich gewunken. Und hat mich gezeigt, ich soll mal die Nummer aufzeigen. Und da hat sie gesehen, 1390...
00:08:33 Die 13 hat sie auch gehabt, die 13, durch meinen Bruder. Und da hat sie die Nummer 90 auf ihren Zettel, wo sie hat schon, schon notiert gehabt.
00:08:47 Das hat sie mir, hat sie da drauf geschrieben. Und vorne am Tor, bei den.. wie die.. Wie die SS aufgerufen haben, die und die Nummer... Das ging ja alles nach Nummern, nich? Die und die Nummer, soundso, soundso...
00:09:03 Und dann kam das, kommt meine Nummer. Kam 1390. Und das, das war schon die SS nicht einverstanden mit. Weil ich noch zu schwach war und klein usw., nich?
00:09:17 Also jedenfalls, sie hat sich aufgeregt, die... die Dame. Und darum.. Die hatte was zu sagen gehabt. Auf den Pult da, draufgehauen, sie hat doch selber die Nummern da notiert gehabt usw. und so fort.
00:09:35 Also jedenfalls kam ich so, mit den Schub mit raus.
00:09:40 IV: Und Ihrem Bruder? Sie konnten bei Ihrem Bruder..
00:09:42 HS: Mein, mein Bruder, da haben sie die Nummer nicht gehabt. Der sollte drinbleiben. Für irgend...
00:09:49 Und das war, das war mit ihr ganz aus, mit die Dame. Ich weiss nicht, wie die das dazu kam. Also die hat das so weit gemacht, dass mein Bruder mit raus kam.
00:09:59 Aber meine kleine Schwester, die ist drin geblieben. Und da sind wir ungefähr.. Da bin ich ins Hauptlager gekommen, und da hat mein Vater von oben geschrien, ob ich auch da bin.
00:10:11 Da hat mein Bruder gesagt: "Ja, der Kleine ist auch da." "Na Gott sei Dank", hat er angefangen, nich? Und meine kleine Schwester, die ist da drin geblieben.
00:10:21 Dann sind wir natürlich... Das war natürlich komplettiert gewesen. Von dem Hauptlager sind wir ja dann, von da wieder weggekommen, nich?
00:10:32 Und dann sind da ungefähr 7000 Menschen von S.. von die, von die Sinti da geblieben. Ins Lager, die wo, wo nicht mit konnten, und krank waren und so weiter.
00:10:46 Und gut, dann sind wir von, von das Hauptlager nach Buchenwald gekommen. Also, durch Umstände. Also, wieder mit dem Z.. mit dem Zug gefahren, dann wieder gelaufen, dann wieder hier..
00:11:02 Von Jena, Bu.. Bu.. Weimar, Jena, Gera, das war der Transport. Da sind wir natürlich auch wieder zu Fuß gegangen, viele. Weil da, wir sind bewacht worden. Von die Flieger. Von die Ami oder von die Russen.
00:11:22 Jedes Mal sind wir bewacht worden. Wenn wir.. Sobald wir gelaufen sind, sind wir überwacht worden, entweder haben sie fotografiert oder gemacht.
00:11:31 Und die Häftlinge, es waren schon no.. Die haben aus den kleine Luke da, wo die Bahne waren, wo der Zug...
00:11:40 Da war so ein kleines Dingens da, haben sie ihre Häftlingssachen, das Jackett ausgezogen und haben gewunken. Nich, draußen.
00:11:49 Dann haben sie wieder die Lokomotive bombardiert, also mit Maschinengewehren usw., Die haben aber nur, nur die Ersten... Den Zug, und den Beiwagen. Den haben sie immer voll getroffen.
00:12:09 Und da haben wir müssen wieder raus.
00:12:12 IV: Und dann mussten Sie wieder laufen...
00:12:13 HS: Dann konnten wir wieder laufen auf'm Transport. Und bis wir dann nach Flossenbürg kamen.
00:12:20 IV: Buchenwald, erst.
00:12:21 HS: Erst mal waren wir in Buchenwald, ja. Und da sind wir auch ein paar Monate, aber da gab's gutes Essen. Also es war sehr ein Unterschied zwischen Auschwitz und...
00:12:31 IV: Buchenwald.
00:12:32 HS: Buchenwald, nich. Da haben wir gedacht, wir kommen in ein ganz anderes... ja, Schlaraffenland, nich? Weil das Brot war, wir haben, äh, richtiges, richtiges Brot gekriegt, so voll, nich?
00:12:47 Und Essen war auch gut gewesen und so weiter. Aber das ging dann nicht lange, weil so viele Häftlinge kamen.
00:12:54 Der Transport ist gelaufen, der kam laufend, laufend, laufend.Und wir haben nicht gleich in Baracken gewohnt, wir haben in einem Zelt gewohnt. Das war wie so Quarantäne.
00:13:07 Das war extra draußen, die Zelte, und dann.. Haben wir draußen gelegen. Aber da war das Essen... natürlich auch gut.
00:13:18 Bis wir dann, bis sich dann alles so gelegt hat und sortiert hat... Dann sind wir natürlich in die Blöcke rein.
00:13:26 Und Buchenwald waren wir auch dann, bald etliche Monate. Mein Vater war dann an die... vorne an die Schreibstube. War in die Küche, da hat er gearbeitet.
00:13:39 Ich war als Schneider eingeteilt worden. War Schneider, ja. Hab Maßanzüge gemacht {lacht}. Also jedenfalls.. Ich hab gelernt, das waren ein paar Monate, und die, die, die die tschechische und die polnische Schneiders, die waren dringend gewesen, nich?
00:14:02 IV: Mhm.
00:14:03 HS: Also, die haben müssen für die SS arbeiten usw. Und ich hab', war so Handlanger, hab auch so'n paar Stiche, hab ich mal...
00:14:12 Und da haben wir müssen sogar Nachtschicht machen. Und ich war da zwölf, dreizehn Jahr alt. Und wenn, jetzt hat's geheißen, die SS kommt.
00:14:22 Haben sie, die Wache, haben sie Inspektion gemacht, haben gesehen was da... Und da haben sie für mich vorher 'ne Streue gemacht, so'n Bettstelle, hab ich können schlafen, nich? Weil ich war ja so klein, weil ich bin ja eingeschlafen, nich.
00:14:39 Da haben sie für mich extra ein Bett gemacht, damit ich schlafen konnte. Ja. Aber das hat nicht lange gedauert.
00:14:47 Dann sind wir von da weggekommen. Also paar Monate waren wir schon in, in Buchenwald.
00:14:55 Und von da ging dann der Transport, hat's geheißen... Der Transport geht los. Das Lager wird geräumt.
00:15:06 Und da kam ein, ein Lagerältester rüber, der hat geheißen (???), der hat uns erzählt, dass die Sinti, die letzten, was drin waren...
00:15:19 Die sind.. Im August war's glaub' ich, '44 in August, sind sie vergast worden.
00:15:27 IV: Alle die, die in Auschwitz geblieben waren.
00:15:29 HS: Die wo geblieben waren, die Letzten. Die wo sie nicht haben mitgenommen um, für den Transport, weil das alles so Kinder waren usw., alles {unverständlich}, die Frauen... Und da war mein Onkel auch bei.
00:15:42 Mein Onkel mit seiner Familie. Der hatte uns gesagt: "Geht raus, Jungs, seht, dass ihr rauskommt. Es geht nochmal ein Transport und da komm ich mit. Da komm ich raus."
00:15:54 Weil er war Wehrmachtsangehöriger, mein Onkel. Der war bei die Wehrmacht. Aber leider hat er's nicht geschafft mehr. Es ging kein Transport mehr.
00:16:04 Und da waren wir vorher schon draußen, ich und mein Bruder. {räuspert sich}
00:16:09 Und so hat sich das ergeben, da kam er, der Lagerälteste rüber und hat uns erzählt, was da... war. Und da war meine kleine Schwester auch mit bei. Die ist dann auch vergast worden.
00:16:24 Ja. Und von da ging's dann weiter. Von Buchenwald auf Transport. Hat's geheißen, das Lager wird auch geräumt.
00:16:33 Da war wieder, glaub' ich, der Russe da, im Anmarsch, oder die Amerikaner, ich weiß nicht mehr. Also jedenfalls sind wir auf'n Transport.
00:16:44 Und bei das Anreihen, wo man aus dem Lager, aus dem Tor raus war, mit einem Mal sieht mich der SS. Wann die Größeren, da stehen, nich, wo der Transport losgegangen ist, aus dem Tor, auf einmal sieht der mich.
00:17:00 "Was is'n da", hat er angefangen, das war der Oberscharführer. "Der geht sofort wieder raus! Raus aus der Reihe und rein ins Lager!"
00:17:14 Da wollten sie mich wieder rein ins Lager und in dem Moment kommt der andere SS-Mann mit dem Fahrrad, weil das so.. der, der, der...
00:17:24 Der Transport war zu lang. Da konnten sie nicht laufen, da haben sie Fahrräder gehabt. Und dann kam der andere SS angefahren.
00:17:32 Und hat angefangen: "Herr Oberscharführer, Sie sollen sofort kommen nach vorne an die Spitze!" Und so kam er von mich weg...
00:17:40 IV: Mhm... Und sie konnten...
00:17:42 HS: Und da hat er wohl drauf vergessen.. Nein, ich bin k.. bin dageblieben, wo mein Vater war, in die Reihe.
00:17:49 IV: Ja... Ja.
00:17:50 HS: Wo die anderen Häftlinge auch waren, da bin ich geblieben. Und in dem Moment, wo der dann weg ist, dann konnte ich da bleiben. Der kam aber nicht mehr zurück, weil da {unverständlich}..
00:18:03 Weil drauf vergessen, oder was, und da kamen wir dann weg. Und ich bin mit der Transport mit. Raus.
00:18:09 Und so bin ich.. Sind wir gelaufen, von Buchenwald, Weimar... Über Thüringen usw. usw., Je.. Jena, Jena, oder wie die Städte alles geheißen haben.
00:18:24 Und da sind wir dann jeden Tag gelaufen, so zwanzig, fünfundzwanzig Kilometer. Nix zu essen... Wir haben 'ne Handvoll Korn gehabt.
00:18:36 Und ein Stückel Brot haben wir gehabt. Und da hat mein Vater Brot immer so abgebrochen und hat {macht Essensgeste}, damit ich nicht gar so... Ja.
00:18:47 Und dann ging's einigermaßen, da haben die SS schlapp gemacht. Weil die f.. fünfundzwanzig Kilometer, zwanzig, fünfundzwanzig...
00:18:57 Dann konnten wir bei Tage nicht mehr gehen, weil die Bevölkerung hat sich aufgeregt. Weil der Transport so groß war. Zu lang. Und dann sind wir nur abends gegangen.
00:19:11 IV: Im Dunkeln, so? HS: Im Dunkeln. Im Dunkeln. Mit der SS zusammen, links und rechts.
00:19:19 Und dann is' mein Onkel abgehauen. Ich glaube in Weimar.. Jena war es. Jena oder Gera, Gera. Und da war mein Cousin auch mit dabei. Und die sind ziemlich rausgekommen aus Gera, rauf...
00:19:39 Und mein Onkel war raffiniert. Da waren die Frauen draußen usw., da hat er sich da hingestellt, als ob er dazu gehört. Und da haben die SS...
00:19:51 IV: ...es nicht bemerkt. HS: Haben es nicht mitgekriegt.
00:19:55 Also jedenfalls, er kam weg, mit meinem Cousin. Aber hat nicht lange ge.. {räuspert sich} nicht lange gedauert, da haben sie ihn gesucht.
00:20:06 Hat's geheißen: "Es ist einer getürmt." Aber erwischt haben sie ihn nicht. Haben sie da nicht. {lacht}
00:20:16 Also jedenfalls, also der, was mein Cousin war, den haben sie wieder gekriegt, weil er von meinem Onkel weggegangen ist, er wollte wo hin. Den haben sie wieder erwischt und er ging wieder zurück auf den Transport. Mit uns.
00:20:34 Und so sind wir dann gekommen, jeden Tag... Zwanzig, fünfundzwanzig, ohne was zu essen zu, zu...
00:20:40 Wasser haben wir gekriegt, von die Bevölkerung. Die haben, die haben draußen hingestellt. Die haben schon gewusst, wenn die Häftlinge kommen, damit sie was trinken.
00:20:51 Weil das hat sich rumgesprochen, die Häftlinge kommen usw.. Und da konnte man einigermaßen doch manchmal so'n, so'n...
00:20:59 IV: ...Becher...
00:21:01 HS: ...Kübel kriegen, so'n Becher oder was, und was trinken, nich.
00:21:04 Und das hat sich dann so... Paar, etliche Wochen... Das heißt so vierzehn Tage, drei Wochen, bis das Transport ging. Von Buchenwald nach Flossenbürg.
00:21:18 IV: Also, die ganze Strecke sind Sie gelaufen, praktisch?
00:21:21 HS: Nicht... Manchmal auch mit dem Zug... Manchmal mit'm Zug, da kam wieder die Bahne, der Zug wieder, die Viehwagens usw.
00:21:30 Und die haben uns dann wieder reingeladen und dann sind wir wieder 'ne Strecke.. Aber nicht lange gefahren. Das ging einigermaßen so... und dann war wieder aus. Dann kamen wieder die Flieger.
00:21:41 IV: Ja.
00:21:42 HS: Die haben uns begleitet.
00:21:43 IV: Mhm.
00:21:45 HS: Und die haben dann auch wieder bombardiert, vorne die Eisenwagen, vorne die, die ersten Züge dann und wieder raus.. und wieder rauf.
00:21:54 Und so sind wir.. Sind wir dann geblieben, einigermaßen bis, bis wir nach Flossenbürg kamen.
00:22:03 IV: Wissen Sie ungefähr, wann das war? Wann Sie in Flossenbürg angekommen sind?
00:22:09 HS: Ja, das war, schwierig. {überlegt} Flossenbürg, Flossenbürg... Wir waren ungefähr '44 sind wir von Buchenwald, äh von Auschwitz nach Buchenwald.
00:22:25 Und da waren wir ungefähr so... bis Ende... Ende '44. Also, 'n paar Monate waren wir noch in Buchenwald und von da sind wir dann auf'n Transport.
00:22:38 Und dann hat's geheißen, von Buchenwald, das hab ich noch vergessen. Da kommen 200 Jungs wieder zurück nach Auschwitz. Zweihundert. Und das.. Da war ich mit bei.
00:22:54 Zum Vergasen. Und da war mein Cousin auch, da wo ich gesagt hab, der ist fort, der ist getürmt, der war auch mit bei.
00:23:06 Alle schon so sortiert, nich? Dann gingen sie so zwei Tage lang durch, bis sie alles sortiert hatten, so aufgeschrieben. Jetzt hat mein Vater nicht gewusst, wie er das machen soll, dass ich ko.. konnte dableiben.
00:23:22 Und mein Cousin auch. Ja, es war schwierig. Und mit einem Mal kam er auf 'ne Idee: "Wir bringen ihn ins Lazarett, in den Krankenblock."
00:23:37 Ich soll mich krank machen: schreien, machen, tun... Da haben sie keine andere Rettung gehabt, a.. Haben sie nicht gewusst, was sie machen sollten, da hat er mich genommen auf den Buckel.
00:23:53 Ne Decke rüber, so 'ne alte, wie so die Decken waren, und probierte so im Lazarett:
00:24:01 "Mein Sohn ist schwer krank, der schreit und macht und tut..." Da haben die SSe uns gelassen nach dem Krankenblock.
00:24:08 Und die, die wo da im Krankenblock waren, das waren alles tschechische.. und {sucht nach Worten}... von Tschechen, von Polen, Ärzte. Die wo uns betreut haben.
00:24:21 Und die haben einigermaßen schon, was gemerkt. Da haben sie angefangen: "Ja, der is' schwer krank, der muss hierbleiben."
00:24:33 Da war dann mein Vater froh, dass ich konnte drinbleiben. Weil hat's geheißen, anderen Tag geht der Transport...
00:24:41 IV: Zurück nach Auschwitz.
00:24:42 HS: Von Buchenwald wieder zurück nach Auschwitz. Von Buchenwald wieder zurück nach Auschwitz.
00:24:47 Jetzt war ich in dem Lazarett drin. Da hat's geheißen, ein, zwei Tage, geht der Transport ab. Mit die Juden, mit die zweihundert Mann, da war ich mit bei und mein Cousin auch.
00:25:00 Mein Cousin hat auch Sch.. Glück gehabt, auch, wie das so im Leben laufen tut, nich? Der hat seine Jacke, seine Sträflingsjacke haben sie ausgezogen, hingelegt zum Schlafen. Und da war immer die Nummer drauf.
00:25:16 Mit einem Mal kam die und die Nummer, die und die Nummer, da hat er gesehen. Sein Cousin, seine Nummer, sein Jackett angehabt. Und da war die Nummer drauf, von seinem Cousin.
00:25:31 Und so ging er mit raus. Und der Cousin ist geblieben. Aber die Nummer, die haben sie gehabt, durch die, durch die Jacke. Da haben die SS nicht anders gewusst... Ja, das ist so, die wo aufgerufen wurden. {räuspert sich}
00:25:47 Ich weiß sogar noch einigermaßen die Nummer, 6278, so ungefähr. Also jedenfalls kam er auch mit raus. Und der is' dann, mit meinem Onkel dann getürmt, in der Zwischenzeit, da, wo ich erzählt hab.
00:26:00 IV: Ja.
00:26:02 HS: Und, äh, dann sind wir da dann auch angekommen, nach Bu.. Äh, Flossenbürg. Flossenbürg, naja, war sauber und... Haben sie ja auch die Leute vergast usw.
00:26:15 Hab' ich auch zugesehen, wHaben da die (???) und gemacht und haben sie Versuche und das.. Als.. Also, da gingen ja verschiedene Sachen, was man gar nicht mehr so in Erinnerung hat.
00:26:30 Und da waren wir natürlich auch paar einige Monate, bis dann wieder ein Transport ging. Hat's geheißen: "Das Lager wird geräumt." Und da waren wir einen Tag...
00:26:47 IV: Könn.. Können wir.. Können Sie sich vielleicht ein bisschen erinnern, in diesen Monaten, in diesen Monaten in Flossenbürg...
00:26:52 HS: Ja, jedenfalls...
00:26:53 IV: Haben Sie gearbeitet, wie waren Sie untergebracht, wie war die Situation...
00:26:56 HS: Ja, ich hab gearbeitet, in, in {sucht nach Worten} In so'n... {unverständlich} Geheizungbau? Wo sie die Heizung gema.. Wo sie haben..
00:27:07 Repariert und gemacht und angesteckt, damit die haben Feuer gehabt, dass es warm ist, nich? Und da hab ich.. War ich als Hand.. als Handlanger.
00:27:16 IV: Mhm.
00:27:18 HS: So.. Sozusagen als Boy, als People. Der wo.. Müssen das machen, oder das holen, oder das, nich. Also da ging's mir natürlich nicht, natürlich nicht schlecht.
00:27:28 IV: Und Ihr Vater hat auch gearbeitet? In Flossenbürg?
00:27:31 HS: {zögerlich} Ja...
00:27:33 IV: Oder sie waren noch zusammen?
00:27:34 HS: Ja, der war als, als.. Als Kalfaktor kann man sagen, in die Küche, der hat vorne für die SS gearbeitet. Draußen. War schon mehr draußen, aus dem Tor, als wie innen.
00:27:51 Waren auch die Bunker vorne, nich? In Flossenbürg, wo die Bunkers waren, nich? Und da hat er natürlich immer gearbeitet, so, für die SS.
00:28:03 Hat mit.. Für die kochen, machen, tun... Und er war Koch gewesen, draußen schon. Mein Vater war Schlächter. Der war, äh, wie zu sagen, im Schlachthof.
00:28:14 Der hat für die SS gearbeitet, draußen. Heeresbetrieb. Der hat, der hat geschlachtet. Schweine, und Rinder und der war, natürlich sehr begabt gewesen, mein Alter, nich?
00:28:30 Ja. Der kam ja auch mit raus. Und da hat er natürlich in Flossenbürg gearbeitet, nich? Und da war jemand, da hat es geheißen, wir müssen.. Das Lager wird geräumt. Schon wieder.
00:28:43 IV: Mhm.
00:28:45 HS: Und da waren wir einen Tag ohne SS. Da hat's geheißen, die SSe sind weggelaufen. Ja, jetzt haben die Häftlinge auch nicht gewusst, was sie machen sollen: Sollen sie raus oder sollen sie nicht raus? Die haben sich auch nicht mehr getraut.
00:29:01 Dass sie aus dem Lager rausgehen, dass sie draußen.. SS warten und schießen sie um, ne? Ja. Also jedenfalls, sind drin.. Am anderen Tag kamen sie wieder an, die ganze Piff.. die, die Wachmannschaft. Kam wieder.
00:29:16 IV: Mhm. Wieder zurück.
00:29:17 HS: Ja. Ja, in Flossenbürg, ne. Also, so haben wir das mitgekriegt. Und dann hat's geheißen: Ja, der Transport geht wieder los.
00:29:28 IV: Können Sie mir noch ein paar Sachen aus Flossenbürg erzählen: Wo waren Sie untergebracht, waren Sie in Baracken oder auch in Zelten, wie in Buchenwald? War das Lager überfüllt, wie war die Situation im Lager?
00:29:41 HS: Das war, das war auch alles, also... überfüllt, überfüllt. Da kam ja alles rein dann. Es, es.. Wir sollten ja nach Dachau kommen. Und das war die Zwischenstation.
00:29:52 IV: Mhm.
00:29:53 HS: Wir sollten nach Dachau kommen. Das war die Zwischenstation, die sind dann da in Flossenbürg... der ganze Schub, damit wir da mal von der Straße wegkommen, wieder rein ins Lager.
00:30:05 Und das war natürlich... Da kamen wir auch in solchen Zelten rein. Aber nachher waren wir schon in solche Baracken. Waren wir in den Baracken gewesen.
00:30:17 Also jedenfalls, äh... Das Lager war nicht so... übertrieben, wie Auschwitz oder Buchenwald. Wir haben da unser Essen gehabt, mein Vater hat da gearbeitet, da haben wir einen {räuspert sich} da haben wir einen Onkel gehabt, der war Küchenchef.
00:30:36 In die Küche, der hat für die Häftlinge gekocht. Gab's große Kessels usw. Ja, ja.
00:30:45 IV: Wie war denn das Essen, gab es noch reichlich zu essen, oder?
00:30:50 HS: Reichlich auch nich mehr. Es is'.. Es ist immer weniger geworden. Nachher hat's geheißen: Zehn Mann ein Brot. So'n, so'n Kommissbrot da. Da war so 'ne Scheibe usw. Also jedenfalls... War Hunger. Hunger, Hunger. Und Durst.
00:31:09 IV: Krankheiten? Gab's viele Leute, die schon krank waren? Krank, krank und schwach, gab's Krankheiten? Im Lager, oder...
00:31:19 HS: {überlegt} Ja, die haben schon gehabt.. Steinbruch.
00:31:22 IV: Ah so, mhm.
00:31:24 HS: In Steinbruch, da war mein Onkel mit bei. Der hat da unten, Steinbruch auch gearbeitet. Also, von Buchenwald nach... nach Flossenbürg.
00:31:36 IV: Mhm... Ich wollte Sie noch etwas fragen, weil das hab ich in den Unterlagen gesehen. Äh, in den Häftlingsbüchern von Flossenbürg tauchen Sie nicht auf.
00:31:46 Gab es noch, als Sie in Flossenbürg ankamen, irgendwelche Aufnahmezeremonien, wurden da noch Nummern überprüft, Namen aufgeschrieben? Oder war das eher schon das Chaos, dass das nicht mehr stattfand?
00:31:58 HS: Ja, ich weiß das auch nicht. Also jedenfalls hat's geheißen, wir dü.. Es wird wieder geräumt. Das haben wir uns alle müssen einreihen. Appell für draußen, Appell, genau.. Haben wir ja jeden Tag gehabt, Appell.
00:32:14 Da haben wir draußen gestanden und mit einem Mal sieht mich mein Onkel, der hat mich noch nie gesehen so, so klein.
00:32:24 Und er war kräftig, der war Küchenchef. Und der hat mich dann genommen aus die Reihe raus, also bei s.. der hat, der hat zu sagen gehabt, so. Und hat mich schnell reingenommen in die Küche.
00:32:37 IV: Mhm.
00:32:38 HS: Und hat mich zu essen gegeben. Auch gefragt zu essen:
00:32:42 "Ess, mein Junge, ess, ess." Und ich wollt' gerne für meinen Vater was raus... "Ne, das geht nicht. Dann kommen die anderen Häftlinge, und das... Das geht nicht. Iss du dich mal wenigstens satt, wie es sein soll."
00:32:54 Und ahh, das war so wohlhabend. Ja, und er hat auch konnt' mit.. der is auch.. der ist auch mit auf'n Transport mitgegangen. Der haben glaub' ich hier getroffen, in Bayreuth.
00:33:08 Eben denn, als Küchenchef aber halt. War aber auch 'n Verwandter von.. Und der ging dann mit auf's Transport. Und der hat mitgenommen Essen, sein Rucksack, wie die SS, mitgenommen. Brot usw.
00:33:26 Und da hat er mich hin und wieder mal aufgesucht, gesehen, und hat mich so... abgebrochen, so'n Stück Brot, so: "Ich helf'." Und hat mich dann gegeben. Und da hab' ich dann.. mich konnten so, mit durchbringen.
00:33:44 Weil mein Vater hatte dann das geteilt mit mich, und hat mich dann aber mehr, mehr gegeben. Damit ich nicht, damit ich nicht so schlapp werd', nich. Und das war aber schon in... in März, April.
00:33:58 IV: Also das war schon auf dem Transport von Flossenbürg Richtung...
00:34:03 HS: Erst von Buchenwald nach Flossenbürg, und dann hat's geheißen, der Transport geht nach Dachau. Dann sollten wir nach Dachau kommen.
00:34:11 IV: Mhm, ja.
00:34:13 HS: Und da sind wir auch gelaufen, jed.. jed.. nur gegen Abend.
00:34:17 IV: Mhm.
00:34:18 HS: Nur gegen Abend. Weil der Transport war zu groß. Weil die Bevölkerung, die haben sich da.. die haben sich da reihenweise gestanden und haben da gesehen usw.
00:34:30 IV: Ja, und tagsüber, hat man sich da versteckt oder hat man einfach...
00:34:33 HS: Im Wald, im Wald drin. Wald, da war schon {unverständlich} Und da haben wir immer gehört, die.. das Schießen, das Machen... Das waren die Amerikaner hinter uns.
00:34:49 IV: Also die Front war schon nah.
00:34:50 HS: Die haben uns, die haben uns schon verfolgt, die.. Aber die konnten nicht so schnell kommen, weil die sind auch immer.. Die haben auch immer zu tun gehabt mit die andere SS und so mit die Militär.
00:35:00 Und da hat einige Tage, hat die gedauert. Das war dann der Todesmarsch.
00:35:07 IV: Ja.
00:35:08 HS: Und da hab' ich so viel gesehen, das will ich... {winkt ab} Das kann ich Ihnen gar nicht erzählen.
00:35:15 IV: Versuchen Sie's.
00:35:16 HS: Der Transport, was da passiert ist... Die haben ja, die SS, die haben ja geschossen, als wenn da, als wenn sie auf'm Jahrmarkt wären. Als wenn sie auf'm Rummel wären. Sobald sie schlapp gemacht haben - drauf - haben sie zu dritt gegeben, Kopfschuss.
00:35:33 Und da hat mein Vater gesagt: "Sehen Sie doch nicht immer hin!" Aber es war schon so gleichgültig.
00:35:38 Das war für uns schon so... selbstverständlich. Und wir konnten ja auch nicht mehr so richtig. Wir haben auch schlapp gemacht.
00:35:47 IV: Also es wurden alle die, die schlapp gemacht haben, wurden gleich...
00:35:51 HS: Die, die wo nicht mehr laufen konnten und so weiter, da haben sie extra ein, so'n, so'n Wagen gehabt, so'n platten Wagen, und da sind sie raufgekommen.
00:36:01 Und die haben sie gleich mitgenommen, die, die Toten. Damit das nicht auffällt, für die Bevölkerung. Und dann haben sie sie irgendwo hin verscharrt oder wie das da war, ich weiß es auch nicht... Also jedenfalls, der Transport ging dann...
00:36:17 IV: Richtung Dachau.
00:36:20 HS: Richtung Dachau. Flossenbürg. Cham, Roding.
00:36:24 IV: Mhm.
00:36:25 HS: Cham, Roding, da kamen die Amerikaner. Und da haben wir uns immer gelaufen und wir waren nicht mehr so viele Sinti. Zigeuner, waren nicht mehr viele in Flossenbürg. Wir waren aber immer von vorne, erste Reihe, vorne.
00:36:42 Ja. Immer mehr vorne. Mit einem Mal hören wir das Schreien und Machen und Tun, die Häftlinge haben sich umgedreht, die SS sind weggelaufen.
00:36:52 Mit einem Mal haben wir schon gesehen, die Panzers. Da haben die Amerikaner nur gewunken, sollen an die Seite. Und die SS sind dann in den Wald rein, sind gelaufen. Und da haben sie natürlich auch... paar, etliche umgelegt, die Amerikaner die SS.
00:37:13 Und da sind wir befreit worden. Und Sie können sich ja vorstellen die Freude, was da ging von die Häftlinge. Wir haben ja.. die haben ja..
00:37:24 Momentan gar nicht gewusst, was war. Was, was überhaupt los war, wir haben ja gar nicht mehr gewusst. Sind wir jetzt frei oder sind wir nicht frei, oder... Also jedenfalls... wir sind dann befreit worden. Von die Ami.
00:37:40 IV: Mhm.
00:37:42 HS: Und die haben dann bloß das Essen raus.. rausgeschmissen...
00:37:46 IV: Aus den Panzern.
00:37:48 HS: Aus ihren Panzers und aus ihre Fahrzeuge, haben sie die Schokolade und das Zeug und ich hab' da auch da schnell gesammelt und gemacht... Ah! Das war ja genug, so, nich.
00:37:58 Also, wir haben dann ja nicht mehr gewusst, was wir machen sollten. Also jedenfalls, es ist da dann sehr viel geplündert worden. Von der SS. Bei die Bauern. Cham, Roding. Stamsried. Da bin.. sind wir befreit worden.
00:38:18 IV: Mhm. Wie heißt der Ort?
00:38:19 HS: Stamsried!
00:38:20 IV: Stamsried.
00:38:22 HS: Ja. Und da hat mein Vater 'ne Bäuerin gesehen und hat sich mit ihr unterhalten und... Wenn hier, wenn die Häftlinge kamen und wollten was machen, da hat mein Vater angefangen: "Das ist meine Verwandte, macht da nix!" Dann sind sie wieder fort.
00:38:38 Und die haben die Hühner und das Zeug, was sie, was sie konnten kriegen, haben sie geschlachtet und gemacht...
00:38:43 IV: Die Häftlinge?
00:38:44 HS: Und da, ach, das war ja... Ne, das konnt' man ja nicht verdenken, nicht? Es war ja ... Da haben wir ja auch gemacht. Also wir sind bei die Bäuerin da geblieben.
00:38:55 Und da hab' ich natürlich... reingehauen. Es hat nicht lange gedauert, haben sie mich weggebracht, die Ab.. Amerikaner. In Krankenblock.
00:39:11 IV: Mhm.
00:39:12 HS: Bin ich krank geworden. Ich war in die ganze Lagers nicht krank... Viele haben da.. allermeisten haben da Typhus, Fleckfieber, Krätze usw., sind sie umgekommen.
00:39:26 Ich und meine kleine Schwester, wir sind nicht krank geworden. Also dass man konnte sagen, wir haben Typhus gekriegt oder Magen oder so weiter. Also jedenfalls nicht. Und wie ich draußen raus kam und hab' so stark gegessen, da bin ich krank geworden.
00:39:43 IV: Weil Sie so viel gegessen haben...
00:39:45 HS: Ja, genau.
00:39:46 IV: Und der Magen das nicht gewohnt war.
00:39:47 HS: Da hat's geheißen, ich hab Magentyphus. Da haben mich jetzt, die Amerikaner weggebracht in Lazarettauto und haben mich weggefahren. Und mein Alter hat nicht gewusst, wo ich war.
00:40:00 Der hat mich dann gesucht weil.. von die Bäuerin aus, mit'm Fahrrad.
00:40:04 IV: Mhm.
00:40:05 HS: Da is' er überall rumgefahren und hat mich gesucht und gemacht, nicht zu finden. Die haben mich dann in 'ne Schule gebracht, weil da alles überfüllt war. Von die Kranken. Und die Häftlinge, war alles überfüllt.
00:40:18 Die Krankenhäuser, alles. Hat er mich nicht gefunden. Und nachher hat er mich gefunden in eine Schule. Da waren wir auch drin gewesen, da war 'n Lazarett. Da waren die Amerikaner, die Doktors usw. Und da war ich ein paar Tage und dann kam mein Alter an.
00:40:37 Ach, das war was! Und dann war ein Offizier, ein jüdischer Offizier, der war in mein Krankenblock als Doktor.
00:40:51 IV: Mhm.
00:40:53 HS: Der wollt' mich mitnehmen, der hat aber nicht gewusst, dass i.. dass mein, dass mein Vater da... Der wollt' mich mitnehmen nach Amerika, da hat der angefangen: "Boy,...", der konnt' deutsch sprechen, "ich nehm' dich mit bei mir nach Amerika."
00:41:07 IV: Der war Jude, kam aber aus Amerika, war auch ein amerikanischer Militärarzt, wahrscheinlich...
00:41:13 HS: {nickt} Genau, der war bei dem Militär. Und der war dann da in dem Krankenblock als Arzt und hat uns v.. verarztet. Und da hat er denn.. und mich angefangen: "Ich nehm' dich mit, wenn du gesund bist, bring ich dich zurück nach Amerika, bei meine Familie.
00:41:32 Da hab ich angefangen: "Ich hab' 'n Vater!" So, da hat er angefangen, "So, dein Vater... Wenn der Vater aber nicht kommt, dann komm' ich bei dir und nehm' dich mit."
00:41:43 Da hab' ich gesagt: "Ja." Und so kam dann mein Alter an. Andern Tag. Hat mich doch gefunden.
00:41:50 IV: Mhm.
00:41:51 HS: Na, mein Alter war denn froh, dass er mich gesehen hat. Und dann sind wir zurück bei die Bäuerin, da haben mich gesund gepflegt, da die S.. die Amerikaner,
00:42:01 Im Lazarett, bis ich dann entlassen worden bin, da war ich ja ein paar Tage. Und da bin ich dann bei die Bäuerin, wo mein Vater war. Und die haben mich dann gepflegt. Als wie die eigene Kinder.
00:42:16 War 'ne alte Oma noch gewesen, die hat: "Ich mach' für meinen Hansl eine schöne weiße Suppe." Ja. Und die hat mich dann gepflegt, soundso lange, ein paar etliche Wochen, und bis, bis wir dann sind von da weg.
00:42:32 Ich hab' sogar 'ne Bescheinigung noch, von Stamsried, wo sie hat eidesstattliche Erklärung gemacht, meine.. Ne, die Bäuerin. Hab', hab' ich sogar noch da. Wo sie vo.. von Notar aus, dass ich in Lazarett war usw.
00:42:47 Und dann sind wir mit'm Fahrrad, so ein kleines Fahrrad, Kinderfahrrad.. Die Häftlinge haben doch schon alles geplündert, da hat mein Vater doch keine Interesse gehabt, weil er mich nicht gefunden hat. Und mein Vater hat k.. kleinen Kinderfahrrad gehabt {lacht}.
00:43:03 Also, jedenfalls hat mein Vater mich... Er und ich, sind wir dann, von Cham Roding, Stamsried, hier runter zu, nach Bayern. Weil wir wollten ja hier nach Rattelsdorf. Rattelsdorf war ja mein Onkel,
00:43:23 Der hat da ein Haus gehabt, und da haben sich die Brüder immer gesagt: "Wenn wir entlassen werden und wir kommen raus, treffen wir uns da in Rattelsdorf."
00:43:33 IV: ...in Rattelsdorf.
00:43:34 HS: Ja. Also jedenfalls, wir haben gebraucht etliche Tage. Von da...
00:43:39 IV: Mit dem Kinderfahrrad... {HS lacht} oder zu Fuß, oder...
00:43:41 HS: Ja, das war schon ein bisschen größer, ich war hinten auf, auf dem Ge..Gepäckständer gesessen und mein Alter hat getr..getrampelt. Und wenn ein kleiner Berg kam, hat er, hat er.. "Kein Benzin, mein Junge, runter, laufen!" {lacht}
00:43:55 Da haben wir die... Also jedenfalls, wir kamen an.
00:43:58 IV: Mhm. Und da war inzwischen der Krieg schon zu Ende? Da war der Krieg inzwischen schon zu Ende?
00:44:06 HS: Da war schon zu Ende, nich? Also jedenfalls, waren auch Kontrollen noch. Schon von die Amerikaner.
00:44:12 IV: Mhm.
00:44:13 HS: Da haben wir noch Angst gekriegt, wir werden da auch eingesperrt. {lacht} Dann sind wir getürmt. Vor Angst, weil die Angst war... noch so sehr drin in uns. Also jedenfalls, wir sind angekommen, hier, nach Rattelsdorf.
00:44:26 Und da waren schon etliche Sinti, die wo da... Da gewohnt haben, denn.. Die haben sich auch da getroffen. Weil die haben da ihre Häuser gehabt, das war sozusagen unser König, der wo da...
00:44:39 IV: Ah ja, von...
00:44:40 HS: Nich, der Oberste.
00:44:41 IV: Ja.
00:44:42 HS: Nich. Da haben sich dann da viele, viele Sinti getroffen. Und da war auch mein {räuspert sich}, mein Alter mit uns da hingekommen. Und da war mein Onkel noch nicht da. Aber der kam dann später auch an.
00:44:56 IV: Der Onkel, der mal, vom Transport geflüchtet war.
00:45:00 HS: Genau, genau. Der hat da, da so'n, so'n Häusl gehabt, so'n kleines. Das waren aber mehrere Sinti, die wo da Häuser gehabt haben. Und die haben sich dann da getroffen und da sind wir natürlich paar etliche Tage dageblieben.
00:45:16 Und dann, wie da.. das Komitee war, das Sinti-Komitee, nich? War doch, hier in Bamberg. Bayerische Hilfswerk usw.
00:45:27 IV: Ja.
00:45:28 HS: Und die haben uns dann weitergema.. geholfen usw., zu essen und zu trinken... Die haben uns Scheine gegeben... Und da sind wir auch hier, hier in Bamberg geblieben. Und so hat sich das ergeben.
00:45:46 Dann sind wir groß geworden, sind wir gewachsen, wir sind Sportler geworden... Boxers... Waren bayerischer Meisters.
00:45:56 IV: Sie?
00:45:58 HS: Mein, mein Bruder. Ja, da war ich aber schon so sechzehn, siebzehn, ja. Der war Sportler gewesen. Und da hat sich das ergeben, da haben wir.. Mein Vater hat sich plötzlich so sein Platz gekauft, hier in Hirschaid, 'n Anwesen, so'n Bauplatz...
00:46:18 IV: ...Grundstück...
00:46:19 HS: Für die Wiedergutmachung. Hat er, hat er Geld bekommen und s.. und wir ja auch. Und da hat er sich 'n Stückel Land gekauft. Und auf den Land haben wir dann gebaut, da hab' ich aber in der Zwischenzeit geheiratet,
00:46:33 Da war ich aber schon... Zw.. zwei.. zweiundzwanzig Jahre alt. Und da haben wir dann.. Mein Bruder hat gebaut. Und ich habe gebaut. Jeder ein kleines Häusl, hab geheiratet, meine Familie gegründet, und das hat sich dann so ergeben.
00:46:58 Wir waren glücklich verheiratet, haben unsere Geschäfte gehabt, Schausteller usw...
00:47:02 IV: Mhm.
00:47:03 HS: Ja. Und dann äh, es ging nach Jahren. Dann kam wieder, wieder ein großes Pech, dass meine Frau gestorben ist, vor 35 Jahren schon. Die war 49. Und jetzt ist schon 35 Jahre wieder her, wo sie gestorben ist.
00:47:23 Die wär' heute auch... 73. Und dann, die Kinder haben auch geheiratet, haben... Sind nicht stehen geblieben, haben sie auch jeder ihre Freundin, ihre Familie usw.
00:47:40 Ich hab' vier, zwei Söhne, zwei Mädels, und die Enkel. Hab' zwölf Enkel, Urenkel. Glückliche...
00:47:52 IV: Zwölf Enkel? Und wieviel Urenkel?
00:47:54 HS: Zwölf.
00:47:56 IV: Zwölf.
00:47:57 HS: Zwölf Urenkel. Ja. Und acht Enkel. Also im Ganzen zwanzig Stück. Also von da hab ich... {lacht} Ja, und da hat sich das so ergeben, bis meine Frau dann gestorben ist, hat Leukämie bekommen. Die war auch im KZ.
00:48:15 Die hat auch gestammt von Rattelsdorf. Ihre Eltern auch, die haben auch da Häuser gehabt. Und das hat sich da gefunden, dass ich da mal zu Besuch kam usw., wie es manchmal so is', so'n junger Kerl, nicht?
00:48:30 Ja, dann haben wir geheiratet. Und so ist es dann geblieben. Jetzt bin ich 'n alter Knabe.
00:48:39 IV: Wie alt sind Sie jetzt genau, heute?
00:48:40 HS: Sechsundachtzig.
00:48:42 IV: Sechsundachtzig.
00:48:43 HS: Sechsundachtzig. Über zwei Jahren KZ.
00:48:48 IV: Mhm.
00:48:49 HS: Von '43 bis '45. Bis April... Und dann natürlich in die Zwischenzeit sehr viel mitgemacht. Ja, da is' mein Alter auch gestorben, mit 68...
00:49:05 IV: Mhm...
00:49:07 HS: Ich... Viel mitgemacht, mein Freund, viel...
00:49:12 IV: Jetzt sind wir sozusagen im Heute angelandet, bei Ihrer Geschichte...
00:49:17 HS: Wa?
00:49:18 IV: Jetzt sind wir bei Ihrer Geschichte sozusagen im Heute angelandet...
00:49:22 HS: Genau.
00:49:22 IV: ...jetzt würde ich aber gerne nochmal zurückgehen, auf Ihre Familie. Sozusagen, bevor Sie ins KZ gekommen sind. Wie haben Sie gelebt, wo haben Sie gelebt, was hat Ihnen... {unverständlich} ...gemacht...
00:49:35 HS: Wir haben gelebt... Ich.. ich bin in Stettin geboren. Stettin. Pommern. Mein Vater gearbeitet, Tiefbau. Meine Brüder, die waren auch noch zu klein, die waren auch noch nicht so... arbeitsfähig, nich?
00:49:54 Und da is' mein Vater denn, weil mein Onkel hat gehabt in Zoppot, hat er gewohnt, mein Onkel, v.. meine Mutter ihr Onkel. Der is' weg, der is' nach Zoppot für Außenlager (???), und da hat er 'ne kleine Villa gehabt.
00:50:14 Schön, gut, schön gewohnt, und da hat er gesagt, geschrieben: "Liebe Schwester, wenn ich ein kleines Häusl von dir {unverständlich}, dann kannste bei uns kommen." Ja. Und so war es. Und da haben sie dürfen so nicht mehr raus, die Sinti.
00:50:35 Die waren festgeschrieben. Sozusagen noch, waren noch alles fest, weil die haben die alles {unverständlich} notiert und gemacht, und dann konnten sie noch nicht..
00:50:43 Aber jedenfalls, wir haben Geneh.. die Genehmigung gekriegt, dass wir konnten raus. Wie auswandern. Und sind von Stettin nach Zoppot. Und da haben wir 'ne kleine, kleine Wohnung gehabt, schön...
00:50:55 Mein Vater hat gleich 'ne Arbeit bekommen, ein gutes Familienleben, haben wir gehabt, sehr gut. Meine Brüder haben.. konnten schon arbeiten, die waren Gärtners...
00:51:06 IV: Mhm.
00:51:08 HS: Mein Vater war Schlächter, der konnte Ha..Haares.. Heeresbetrieb, hat er schon vorher gearbeitet, nich?
00:51:15 Und dann hat sich das da alles so... so ringsrum... Da, das waren auch Musiker, gute Kapellen gehabt...
00:51:25 IV: Mhm.
00:51:26 HS: Und am Strand, da haben sie natürlich die große Café, da haben die Musik gemacht.
00:51:33 IV: Zum Tanz aufgespielt, wahrscheinlich?
00:51:37 HS: Auch, auch, Tanzmusik und Konzerte, usw. Weil Zoppot war ja Kurbad.
00:51:43 IV: Ja, ja.
00:51:43 HS: War ja bekannt.
00:51:45 IV: Ja, berühmt.
00:51:47 HS: War bekannt.
00:51:48 IV: Mhm.
00:51:48 HS: Also wir haben sehr gut gelebt. Bis eines Tages da der... Abends um vier Uhr, fünf Uhr... Aufstehen, aufstehen, rauf auf'n Lastwagen, von da.. Von Zoppot sind wir ja weggekommen.
00:52:01 IV: Mhm.
00:52:02 HS: Nich' von Stettin, von Zoppot.
00:52:04 IV: Ja.
00:52:05 HS: Da sind wir nach Auschwitz gekommen. Und dann hat sich das so... Bis zuletzt... Da haben wir natürlich einigermaßen mitgemacht...
00:52:17 Meine Brüder waren woanders, die waren in Ellrich. In die Heinkel-Werke da, wo sie die SS haben, die Torpedos gemacht, die, die, die... In Gera... Ellrich. Dora, Ellrich.
00:52:37 IV: Ja, ja.
00:52:39 HS: Da haben wir meine, meine drei Brüder, die ältesten, die haben da gearbeitet.
00:52:43 Die haben auch viel mitgemacht, viel erlebt, ja. Die kamen wieder von, von uns wieder weg, da waren die wieder alleine. Die waren ja auch noch jung, die waren ja auch nur so achtzehn, neunzehn, zwanzig, oder... Ja.
00:52:59 Ja, und meine Mutter, die... Ja, die hat nicht lange gelebt, war {schüttelt Kopf} drei Monate, hat sie uns verlassen.
00:53:12 IV: Ja... Wie viele aus Ihrer Familie sind dann umgekommen? In den KZs?
00:53:17 HS: Sie meinen, im Ganzen, so?
00:53:18 IV: Ja, ja... Oder aus Ihrer näheren Familie.
00:53:21 HS: Die, die Verwandtschaft so?
00:53:23 IV: Ja...
00:53:23 HS: Oh, da langen... Da langen keine 50 Stück. Da langen keine 50, 60... Weil jeder, jeder von, von meinem Vater seine Brüder hat doch jeder fünf, sechs Kinder gehabt, dann die Verwandtschaft, die Schwagers und die Onkels usw...
00:53:40 IV: Und aus der engeren Familie, Ihre Mutter, Ihre Mutter... Aus der engeren Familie, Ihre Mutter is' dann sehr schnell gestorben in Auschwitz...
00:53:52 HS: In Ausch...
00:53:53 IV: Die Schwester...
00:53:55 HS: Die is' ver.. vergast worden. Und mein kleiner Bruder, der is' gleich gestorben, da in Birkenau, Auschwitz, und dann kam mein, mein, mein Vater seine Geschwistern die ihre Kinder, die sind auch nicht,
00:54:10 Haben auch nicht lange gelebt, und auch die Kleinsten wo waren, die waren gleich weg. Die haben nich' lange gelebt. Natürlich die Ältesten da kam {räuspert sich} meine Cousine, deren Eltern sind alle umgekommen in Auschwitz.
00:54:28 War mein Vater sein, sein Bruder. Dann seine Familie. Und dann kam nur meine eine Cousine raus. Und die war schon älter. Und die kam da in Ellrich, Dora... {schüttelt Kopf}
00:54:43 In äh, Bergen-Belsen kam die in, in.. von.. in die Maschine rein. Die haben da so Maschinen gehabt, die war arbeiten, da kam sie mit dem Kopf, mit die Haare, in die Maschine rein.
00:54:56 Und da hat es die ganze Kopfhaut rausgezogen. Und da hat sie auch... sehr viel mitgemacht, meine ich. Aber sie kam raus. Sie hat's, sie hat's geschafft. Aber das war ja schon 'n Wrack. Die hat bloß noch o.. bloß noch {unverständlich} gezappelt.
00:55:13 {Unverständlich} gezappelt. Und so war meinem Onkel sein, sein Sohn auch, der wo in Zoppot war. Denn sein Sohn, der kam auch noch, als einer von die, von die Familie raus. Und so hat sich das alles so...
00:55:30 Und da haben sie sich alle gesammelt. Die haben sich ausgemacht, wenn mal was is', dann sammeln wir uns, dann treffen wir uns da und da, und dann hat man von denen gehört, die sind da, die sind in die Stadt, die sind in die Stadt.
00:55:43 All.. Meine Brüder, meine Brüder waren in Lübeck, und in Hannover waren welche, und dadurch, durch die Verwandtschaft, wo die immer wieder kam, die haben gesagt: "Ja, den haben wir da getroffen, den haben wir da getroffen."
00:55:56 Und so haben wir uns wieder alle so, die wo noch am Leben waren, die haben wir so alle wieder so zusammengetroffen. Und wir sind dann hier geblieben.
00:56:07 IV: Und sind richtige Franken geworden.
00:56:10 HS: Mein.. Mein Vater, der hat sich auch 'ne, 'ne Freundin gehabt dann, der is' dann auch hier.. Der hat für uns die Plätze gekauft, die Bauplätze, und da waren wir in Hirschaid. Da hab ich in '63 gebaut.
00:56:30 Und '90 is' dann meine Frau gestorben, nich' lange... Sollt' ich dann alleine.. Meine Kinder haben dann geheiratet schon, die waren fort. Was sollte ich alleine mit 's Haus? Hab' ich gesagt, ich verkauf's auch.
00:56:50 Und da bin ich in Miete, bei meine Tochter, die wohnt hier oben auch... Die is' die ander' Tochter, mein Sohn wohnt in Forchheim, der andere wohnt in Hirschaid, also so.. Natürlich so, in die Nähe, nich?
00:57:06 IV: Das ist doch schön.
00:57:07 HS: Ja. Sie wollen mich ja nich' alleine lassen. Weil ich hab' ja schon viel mitgemacht, nich'? Ja... Und da kommen sie besuchen mich öfter...
00:57:17 IV: Das ist doch gut.
00:57:21 HS: {lächelt} Und das war meine k.. kleine Geschichte.
00:57:24 IV: Herzlichen Dank.
00:57:26 HS: {lacht}
00:57:27 IV: Ja, heute ist, äh, Dienstag, der 27. Februar 2018 und wir haben jetzt gesprochen mit Hans-Jürgen Seeger, heute 87 Jahre alt?
00:57:38 HS: Werd' ich, April.
00:57:39 IV: Sie werden im April 87, und er hat uns seine.. In Stettin geboren, später in Zoppot gelebt, hat uns seine Geschichte erzählt, über die lange Odyssee, über Auschwitz, Buchenwald, Flossenbürg bis zur Befreiung und das Leben heute. {nickt HS zu}